Digitale Ökonomie im Fokus

Ökonomie im Wandel

Die Ökonomie sieht sich stets mit verändernden Umweltbedingungen konfrontiert. Dadurch müssen regelmäßig ökonomische Annahmen an neue Bewegungen adaptiert werden. Seit Beginn der 2000er Jahre entstand in der Ökonomie eine Dynamik, die vor allem auf die Einführung und Verbesserung neuartiger Technologien zurückzuführen ist. Hauptsächlich die fortschreitende Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien läutete eine neue Ära ein. Wirtschaftliche Prozesse wurden zunehmend digitalisiert, was wesentliche Auswirkungen auf die Industrie- & Arbeitswelt sowie zugrundeliegenden Geschäftsmodelle hat. Das führte dazu, dass sich Marktstrukturen änderten und Märkte durch die enorme Dynamik heute anders funktionieren. Die enorme Weiterentwicklung der Technologien sowie die Durchdringung der Digitalisierung durch alle Bereiche haben nachhaltige Auswirkungen auf unsere Wirtschaftswelt. Genau diese Auswirkungen neuer Technologien auf die Wirtschaft werden im Rahmen der Digitalen Ökonomie erforscht.

Was verbirgt sich hinter der Digitalen Ökonomie?

Der Begriff „Digitale Ökonomie“ tauchte schon nachweislich im Jahr 1995 auf. Dennoch, eine einheitliche Definition hat sich bis heute noch nicht durchgesetzt. Als Vordenker, die den Terminus Digitale Ökonomie prägten, sind Don Tapscott (Unternehmer und Rektor der Trent University in Ontario) und Nicholas Negroponte (Gründer des Media Lab des Massachusetts Institute of Technology) zu nennen. Tapscott sieht in seinem Buch „The Digital Economy: Promise and Peril in the Age of Networked Intelligence“ die Digitale Ökonomie als freien Zugang zu Informationen und Wissenstransfer über die Grenzen hinweg. In „Being Digital“ beschreibt Negroponte die Digitale Ökonomie als eine Verschiebung von der Verarbeitung von Atomen, hin zu einer Verarbeitung von Bits. Dabei beobachtete er insbesondere eine Bewegung von der Fertigungsökonomie hin zur Informationsökonomie.

Auch wenn sich bislang keine einheitliche Definition etabliert hat, so wird die Digitale Ökonomie als eine Ökonomie betrachtet, die auf digitalen Technologien basiert und als Transformationstreiber der aktuellen Wirtschaft gilt. Aus meiner Sicht ist die Digitale Ökonomie den Wirtschaftswissenschaften zuzuschreiben und findet sich in beiden ihrer Teilgebiete, der Volkswirtschaftslehre sowie Betriebswirtschaftslehre, wieder. Auf der einen Seite versucht die Digitale Ökonomie zu erklären, welche Auswirkungen neue Technologien auf die Gesetzmäßigkeiten in der Wirtschaft haben und auf der anderen Seite versucht sie zu begründen, wie Technologien konkrete wirtschaftliche Prozesse beeinflussen und mithilfe derer Gesellschafts- und Unternehmensziele erreicht werden können. Der Fokus der Digitalen Ökonomie liegt nicht mehr auf der Massenproduktion, sondern auf der Speicherung von Informationen. Die Digitale Ökonomie kann daher ferner als eine Art Wissensökonomie verstanden werden, die auf Informationen basiert, die wiederum in digitaler Form in Netzwerken gespeichert sind. 

Oftmals wird die Digitale Ökonomie mit der Internetökonomie gleichgesetzt, was so jedoch nicht behauptet werden kann. Denn die Digitale Ökonomie ist weitaus komplexer als die Internetökonomie. Während letztere von Internetkonnektivität abhängig ist und ihren wirtschaftlichen Wert vom Internet ableitet, geht die Digitale Ökonomie weiter und umfasst all jene ökonomischen Prozesse, Transaktionen und Interaktionen, die auf digitalen Technologien basieren. 

Eigenschaften der Digitalen Ökonomie

Mit dem vermehrten Einsatz neuer Technologien haben sich auch Marktstrukturen zunehmend verändert. Die Digitale Ökonomie ist somit mehr als nur die Digitalisierung und Automatisierung von Wirtschaftsbereichen sowie die Verwendung fortschrittlicher Technologien und Plattformen, wie Big Data, Internet der Dinge (IoT) oder künstliche Intelligenz. Der Digitalen Ökonomie sind wesentliche Eigenschaften zuzuschreiben, wodurch einige der bis dato ökonomischen Annahmen nicht mehr vollständig anwendbar sind.

Netzwerkeffekte: Von einem Netzwerkeffekt ist dann zu sprechen, wenn der Nutzen eines Teilnehmers an einem Netzwerk durch den Anstieg der Gesamtnutzerzahl steigt. Dieser Effekt lässt sich anhand eines Beispiels besser erklären: Als ich mich vor einigen Jahren bei Facebook angemeldet habe, wurde die Social Media-Plattform für mich als User erst dann spannend, als sich Freunde, Bekannte und Familienmitglieder angemeldet haben. Ich konnte mich mit laufend mehr Personen austauschen und dadurch stieg mein persönlicher Nutzen stieg, sobald mehr meiner Kontakte an dem Netzwerk teilnahmen. 

Zunehmende Skalenerträge: Während die anfänglichen Kosten einer digitalen Leistung sehr hoch sind, sind Vervielfältigung und Verbreitung des Produkts beinahe kostenlos. Im Gegensatz zur Produktion von physikalischen Gütern, bei der die sogenannten Grenzkosten (= Kosten, die durch die Produktion einer zusätzlichen Mengeneinheit eines Produktes entstehen) immer gleich den Durchschnittskosten sind, sind die Grenzkosten bei digitalen Leistungen immer niedriger, als die bisherigen Durchschnittskosten. Nehmen wir als Beispiel die Produktion eines E-Books her: Die anfänglichen Kosten sind bei der Erstellung des E-Books sehr hoch. Soll das E-Book vervielfältigt werden und steigt dadurch die Outputmenge, so sinken die Durchschnittskosten der gesamten Produktionsmenge. 

Positive Rückkopplungseffekte: Positive Rückkopplungseffekte treten im Bereich der Digitalen Ökonomie dann auf, wenn Netzwerkeffekte und wachsende Skalenerträge sich gegenseitig verstärken. Sobald die Zahl der Nutzer steigt, steigt auch die Attraktivität des Netzwerkes und Größenvorteile treten auf. Je mehr Nutzer sich dem Netzwerk anschließen, desto mehr Leute können angesprochen werden. Dieses Zusammenwirken kann zu einem sehr schnellen Wachstum führen.

Hohe Dynamik und Risiken: Neue Geschäftsmodelle kommen in einer rasenden Geschwindigkeit auf den Markt und in der gleichen Zeit verschwinden wiederum etablierte Unternehmen. Die Digitale Ökonomie ist durch eine hohe Dynamik gekennzeichnet: Neue Technologien, Mitbewerber und Geschäftsmodelle ändern sich ständig. Aber auch hohe Risiken bei der Produktentwicklung kennzeichnen die Digitale Ökonomie. Durch die Schnelllebigkeit der Märkte besteht Unsicherheit darüber, ob neue Produkte bei Markteintritt nicht schon wieder veraltet sind und somit von Konsumenten nicht gekauft werden.

Wettbewerb um Märkte: Unternehmen, die von Netzwerkeffekten und wachsenden Skaleneffekte am meisten profitieren und somit den größten Output haben, beherrschen den ganzen Markt. Die hohe Dynamik am Markt führt aber auch dazu, dass führende Unternehmen sich keinen Stillstand erlauben dürfen. Es bedarf stets neuer Strategien, um ihre Marktmacht zu halten, wie beispielsweise Investitionen in zukünftige Monopolgüter. Dabei konzentrieren sich Monopole nicht mehr bloß auf einen Markt, sondern versuchen ihre Macht marktübergreifend auszubauen. Als plakatives Beispiel ist der Kauf von YouTube durch Alphabet (ehem. Google) zu nennen.

(Kein) Blick in die Glaskugel

Mit der zunehmenden Digitalisierung, die nahezu jeden Bereich bzw. jede Branche treffen wird, nehmen auch Forschungsergebnisse über die Digitale Ökonomie zu, die bislang im deutschsprachigen Raum noch relativ überschaubar sind. Spannende Fragen wie „Welche Auswirkungen wird die aktuelle Transformation der Wirtschaft haben?“ oder „Wie werden sich Marktstrukturen durch komplett neue Technologien zukünftig ändern?“ werden aus ökonomischer Perspektive besonders beleuchtet werden.  

Gespannt können wir in die Zukunft der Digitalen Ökonomie blicken, über die ich auch laufend via Economicus berichten werde.  

LITERATUR

  • Latzer, M. (2000): Mediamatik Politik für die Digitale Ökonomie: eCommerce, Qualifikation und Marktmacht in der Informationsgesellschaft. Innsbruck-Wien: StudienVerlag. 
  • Latzer, M. und Schmitz, S. W. (2001): Grundzüge der Digitalen Ökonomie des Mediamatik-Sektors. IWE – Working Paper Series, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien.  
  • Negroponte, N. (1995): Being Digital. London: Hodder and Stoughton.  
  • Stähler, P. (2002): Geschäftsmodelle in der digitalen Ökonomie. 2. Auflage, Lohmar: Josef Eul Verlag. 
  • Tapscott, D. (1996): The Digital Economy: Promise and Peril in the Age of Networked Intelligence. New York: McGraw-Hill.
  • Techopedia (2018): Digital Economy. 
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